Zusammenfassung:

Diese Diplomarbeit bereitet das Gesamtwerk von Anna Freud aus pädagogischer Sicht auf und verknüpft dabei ihre Texte mit Artikeln aus der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, sowie relevanten Fragmenten aus der Theoriegeschichte der Psychoanalyse. Sie zeichnet hierdurch den Entwicklungsstrang der Neurosenprophylaxe nach und löst vermeintliche Widersprüche in theoretischen Konzepten auf, indem die einzelnen Fragmente zeitgeschichtlich angeordnet werden. Stichworte: Psychoanalytische Pädagogik, Anna Freud, Neurosenprophylaxe, sexuelle Aufklärung, Trieberziehung, Ich-Stärkung, Ich, Objektbeziehung, Hampstead-Nurseris, Kindeswohl, Sorgerechtsentscheidungen, Kindergarten.

Anna Freud (1895-1982) ist eine der bekanntesten Personen aus dem Kreis der sogenannten zweiten Generation, also jener PsychoanalytikerInnen, die nicht mehr zur sogenannten Gründergeneration gehören. Sie ist dabei vor allem als Tochter Sigmund Freuds und als Gründerin der Kinderanalyse bekannt. Wie diese Arbeit zeigen wird, handelt es sich hier um eine verzerrende Reduktion Anna Freuds, da ihr wirken als Pädagogin übergangen wird.

Anna Freud wird dabei in allgemeinen Darstellungen zur psychoanalytischen Pädagogik, zusammen mit Siegfried Bernfeld und August Aichhorn, als Gründerfigur bezeichnet, inhaltlich jedoch im deutschsprachigem Raum nicht aufgegriffen. Dabei beteiligt sich Anna Freud nicht nur theoretisch an der Entwicklung der psychoanalytischen Pädagogik, sondern kann als Lehrerin, Gründerin einer Kinderkrippe und Leiterin dreier Kriegskinderheime auf eine fundierte pädagogische Erfahrung verweisen.

Diese Arbeit konzentriert sich auf diese vergessenen Tätigkeitsbereich von Anna Freud. Eine Zentrale Stellung nimmt der 1956 von ihr verfasste Artikel „Anwendung psychoanalytischen Wissens auf die Kindererziehung“ ein. Sie schildert in diesem, dass sich die psychoanalytische Pädagogik in mehreren Schritten – entsprechend der Entwicklung der Psychoanalyse – von der Trieberziehung und sexuellen Aufklärung zur Objektbeziehung entwickelte - und versuchte Erziehungskonzepte zu entwerfen mit denen sich Neurosen verhindern ließen.

Unter der Vorraussetzung, dass Anna Freuds Absolutheit relativiert wird und aus „der“ Entwicklung der psychoanalytischen Pädagogik „eine“ Entwicklungsrichtung der psychoanalytischen Pädagogik wird, ermöglicht es dieser Gedanke viele Artikel in eine Reihenfolge zu bringen, die Wiedersprüche auflöst.

Um neben der Aufbereitung von Anna Freuds Werk auch den Nachweis zu führen, dass in der Tat von einer Entwicklungslinie der Neurosenprophylaxe gesprochen werden kann, habe ich den Kontext um Artikel aus der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik erweitert. Hierdurch erweitert sich zudem der Horizont von Anna Freuds Texten und es lassen sich Schlüsse ziehen, die ausschließlich auf Basis ihrer Texte unmöglich währen. Gleichzeitig zeigt diese Erweiterung, dass ihre Texte in einen spezifischen Kontext eingebunden sind.

Insgesamt bereitet diese Arbeit mittels des beschriebenen Verfahrens folgende Erkenntnisse auf:

  • Die psychoanalytische Pädagogik erhoffte sich in ihren Anfängen eine neurosenprophylaktische Wirkung von der Sexuellen Aufklärung, erkannte jedoch Mitte der 1920er Jahre, dass sich Neurosen hierdurch nicht verhindern ließen.
  • Mit Bezug auf die ersten Jahren der psychoanalytischen Pädagogik kann durchaus davon gesprochen werden, dass sie eine triebfreundliche Erziehung propagierten. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass sich dieses Bild Mitte der 1920er Jahre deutlich änderte und Triebeinschränkungen als zwingend notwendig erkannt wurden.
  • Die Theoriewende der Psychoanalyse, die das Ich deutlicher ins Zentrum rückte, vollzog sich auch in der psychoanalytischen Pädagogik. Im Zuge dieses Prozesses wurde sich eine neurosenprophylaktische Wirkung von einer Ich-Stärkung erwartet.
  • In den 1940er Jahren, deutlicher in den 1950er Jahren, vollzog sich ein deutlicher Wandel in der Psychoanalyse. Die Perspektive richtete sich vom Objekt – dem Kind oder Erwachsenden – auf seine Umwelt und konzentrierte sich in diesem Prozess auf die Objektbeziehung. Auch in der psychoanalytischen Pädagogik kann dieser Prozess nachvollzogen werden, wobei hier zu relativieren ist, dass das Objekt bereits in den ersten Jahren immer wieder eine bedeutende Rolle spielte – jedoch nicht im Sinne einer Objektbeziehung, sondern als zu beeinflussende Person hinsichtlich der Erziehung des Kindes.