5 Fazit

Am Ende dieser Arbeit ist es ohne Zweifel, dass Anna Freud eine psychoanalytische Pädagogin war. Sie entwickelte pädagogische Theorien und Konzepte und verfügte über eine umfassende pädagogische Praxis. Meine eingangs gestellte Frage, ob sie heute vergessen oder übergangen wird, lässt sich indes nicht so einfach beantworten. Die Vernachlässigung des Werks von Anna Freud wäre nur dann eine Lücke in der wissenschaftlichen Diskussion, wenn es auch heute noch relevant wäre, und die Frage, ob Anna Freud heute noch als relevant zu bezeichnen ist, ist abhängig von der Perspektive des Lesers / der Leserin auf wissenschaftliche Arbeiten.

Die in dieser Arbeit vorgestellten Aussagen von Anna Freud können heute kaum als falsch oder überholt bezeichnet werden. Die Objektbeziehung hat in der Erziehung und Entwicklung des Kindes eine herausragende Bedeutung, ist sicherer Hafen und Motor für Entwicklung, letztlich Mittel zur Erziehung selbst. Ziel von Erziehung sollte die Selbständigkeit des Kindes sein, beziehungsweise psychoanalytisch formuliert, die Stärkung des Ichs, die Förderung der kindlichen Fähigkeiten, sein Triebleben selbst zu kontrollieren und an die Gegebenheiten anzupassen. Weder rigide noch vernachlässigende Erziehungsstile sind geeignet, dem Kind in seiner Entwicklung zu helfen und ein ehrlicher Umgang, der die Subjektivität des Kindes zum Ausgang nimmt, ist für die kindliche Entwicklung eine günstige Vorraussetzung.

Alle diese, hier nur holzschnittartig dargestellten Kernaussagen von Anna Freud, beziehungsweise richtiger der Entwicklungslinie Neurosenprophylaxe, können kaum bestritten werden. Vielmehr erscheinen sie mir in der pädagogischen Diskussion Allgemeingut darzustellen.

Anna Freud wäre daher als Einführung für heutige Studierende durchaus geeignet, wenn ihr Werk nicht durch zwei wesentliche Mängel gekennzeichnet wäre. Es ist unsystematisch und historisch. Die hier vorgestellten Kernaussagen sind auf mehr als 3000 Seiten verstreut und versteckt und der Leser / die Leserin muss diese Fragmente aus ihrem Werk lösen und eigenständig zusammenstellen. Allein dieser Umstand lässt eine Beschäftigung mit Anna Freuds Werk im Vergleich mit aktuellen Einführungen in die Pädagogik als unökonomisch erscheinen. Darüber hinaus wirken ihre Texte beschränkt, greifen kaum das Wechselspiel zwischen Objektbeziehung, Ich-Stärke und Erziehungsstil auf und beschränken sich auf eine individuelle Perspektive ohne den gesellschaftlichen Kontext zu integrieren. Es ist daher einem Leser / einer Leserin, die an der Lösung von aktuellen Problemen arbeitet oder als Berufeinsteiger nach einer Einführung sucht, zu empfehlen, sich an aktuelle Literatur zu halten, da diese zum einen komprimierter das hier vorgestellte Wissen vermitteln und gleichzeitig die Erweiterungen dieser hier vorgestellten Konzepte seit den 1960er Jahren mit aufgreifen.

Es wäre jedoch falsch, diese Arbeit mit diesem ernüchternden Fazit zu beenden. Sicher hat die Theorieentwicklung seit den 1960er Jahren starke Veränderungen erfahren. Insbesondere die stärkere Integration von soziologischen Konzepten, die zwar bereits bei Siegfried Bernfeld zu beobachten war, vor allem jedoch in den 1960er und 1970er Jahren geschah, ist bedeutungsvoll, entwertet aber im Sinne einer wissenschaftlichen – und eben nicht einer praktischen – Perspektive nicht das Werk von Anna Freud. Anna Freuds Texte, und die anderer Autoren der hier geschilderten Entwicklungslinie, müssen im Sinne von Grundlagenforschung verstanden werden, wobei berücksichtigt werden muss, dass diese sich aus der Praxis heraus entwickelte und häufig in ein therapeutisches Milieu eingebunden war.

So wenig Neues ihre Arbeiten für die heutige Praxis bieten, so grundlegend sind ihre Arbeiten doch für das heutige pädagogische Allgemeingut. Sie begründen neben anderen Schriften, warum die heutige pädagogische Diskussion davon ausgeht, dass die Objektbeziehung eine besondere Bedeutung hat, warum dem Kind dabei geholfen werden muss, Konflikte zu meistern, statt dem Kind Konflikte zu ersparen, warum sexuelle Aufklärung von Kindern meist als wünschenswert, in jedem Fall aber nicht als schädlich bewertet wird.

So sehr es die Praxis auch vereinfacht, sich nicht mit historischem „Ballast“ zu beschäftigen, sondern die Aufmerksamkeit ganz auf Voranbringendes zu konzentrieren, so sehr ist diese Haltung eine Gefahr für die Wissenschaftlichkeit einer Profession. Die hier vorgestellten Arbeiten und die ihnen zugrunde liegenden Erfahrungen und Fälle stellen die, mitunter sehr dürftige, empirische Basis für heutiges Allgemeingut dar. Koppelt sich nun das Allgemeingut von dieser empirischen Basis ab, indem die historischen Quellen in Vergessenheit geraten, so werden wissenschaftlich fundierte Allgemeinplätze zu unhinterfragten Glaubensätzen. Ein Umstand der die Praxis zwar nicht handlungsunfähig macht – mit Glaubenssätzen lässt sich gut arbeiten – sie jedoch zu einer wissenschaftsfernen Profession macht, die dann zu Recht von anderen Wissenschaften nicht ernst genommen wird. In diesem Sinne muss die wissenschaftliche Diskussion ihre historischen Quellen systematisch aufarbeiten und meine Arbeit hat in diesem Sinne eine zumindest im deutschsprachigen Raum klaffende Lücke ein wenig geschlossen. Neben diesen beiden Perspektiven kann Anna Freud jedoch auch aus der Perspektive der Didaktik betrachtet werden und entwickelt hier besondere Qualitäten. Ich halte sie für eine didaktisch sehr hilfreiche Figur, an der sich das Wesen der Pädagogik, und noch mehr das der Sozialpädagogik, aufzeigen lässt. Pädagogik ist meiner Auffassung nach selten eindeutig, meist widersprüchlich, durch die Entwicklungen ihrer Bezugswissenschaften ständigen Veränderungen unterworfen, hat große Mühe generelle Aussagen zu treffen und ist in den meisten Fällen gewöhnlich.

All dies zeigt sich in Anna Freuds Schriften. Anna Freuds Werk sind nur sehr wenige konkrete Handlungsanleitungen zu entnehmen, am ehesten aus den letzten Kriegskinderberichten [vgl.4.5.4]. Vielmehr beschreibt sie Spannungsfelder, ein Umstand, der meiner Ansicht nach der Erziehung von Kindern deutlich gerechter wird als Erziehungskonzepte, die versuchen eindeutige, Handlungsanleitungen zu bieten. Anna Freud macht immer wieder deutlich, und dies scheint spezifisch für die psychoanalytische Pädagogik, dass die Motive des Kindes für die Erziehungshandlungen ausschlaggebend sein müssen und nicht das Verhalten selbst, dem sowohl das eine als auch das andere Motiv zugrunde liegen kann [vgl. 4.5.4]. Dabei macht eine Beschäftigung mit Anna Freud, wenn bei dieser der Gedanke der Entwicklungslinie berücksichtigt wird, deutlich, wie wechselhaft die pädagogische Theorie und Praxis ist und wie sehr sie von Entwicklungen in Bezugswissenschaften abhängt. Dies führt dazu, dass Konzepte relativ gesehen werden und nicht absolut – eine Haltung, die ich für die pädagogische Praxis unumgänglich halte.

Ein besonderer Wert erwächst aus dem von Anna Freud gewählten Gegenstand – das gewöhnliche Kind. Ich habe den Eindruck, dass in pädagogischen Diskussionen häufig auf Randbereiche der Pädagogik rekrutiert wird. Sicher sind delinquente Kinder und Jugendliche für die Pädagogik ein Problem, sexuelle Missbrauchsituationen eine äußerst schwere Herausforderung und defizitäre – junge - Mütter eine deutliche Gefahr für die Entwicklung von Kleinstkindern. Aber sind sie das Zentrum von pädagogischem Handeln? Anna Freud konzentriert sich in ihren pädagogischen Beiträgen auf normale, durchschnittliche Kinder, wenn auch in ihren Kriegskinderheimen unter nicht durchschnittlichen Umständen, und kommt hierdurch meiner Wahrnehmung von durchschnittlichen pädagogischen Situationen sehr nahe.

Dies alles kann auch an anderen Autoren aufgezeigt werden, unter anderem Autoren, die der Entwicklungslinie der Neurosenprophylaxe zugeordnet werden können. Anna Freud zeichnet sich hier jedoch durch ihre Kontinuität aus, durch den Umstand, dass sie zu drei von vier Entwicklungsschritten Beiträge lieferte und letztlich auch darüber hinaus tätig blieb. Und so komme ich zum Schluss meiner Arbeit dazu, meine eingangs gestellte Frage abschließend zu beantworten. Ja, Anna Freud ist, als exemplarisches Beispiel für Entwicklungslinie der Neurosenprophylaxe, mit ihrem pädagogischen Werk in Vergessenheit geraten. Sie sollte in die heutige wissenschaftliche Diskussion wieder integriert werden und als didaktisches Beispiel häufiger aufgegriffen werden, letztlich, da sich an ihr nicht nur das Wesen der Pädagogik diskutieren lässt, sondern zugleich die empirische Basis von heutigem Allgemeingut erkennbar wird.