1 Einführung

Die psychoanalytische Pädagogik und ihre Konzepte begegneten mir im Laufe meiner beruflichen Laufbahn immer wieder. Zunächst während meiner Ausbildung zum Erzieher, anschließend in meiner beruflichen Tätigkeit in der offenen Kinder- und Jugendarbeit und schließlich während meines Studiums der Sozialpädagogik / Sozialarbeit. Letztlich gab meine mündliche Prüfung, in der ich mich mit Fritz Redl und Siegfried Bernfeld beschäftigte, den letzten Impuls, sich in einer Diplomarbeit der psychoanalytischen Pädagogik zuzuwenden. Sie erschien mir der geeignete Rahmen und Ort, sich tiefer mit dieser Materie auseinander zu setzen. Um das Thema einzugrenzen, studierte ich zunächst die Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik und entsprechende allgemeine Darstellungen.

Es wurde schnell deutlich, dass es eine Diplomarbeit überfordern würde, die psychoanalytische Pädagogik insgesamt aufzugreifen, das Bild, dass sich über sie etwa aus der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik gewinnen ließ, war hierfür zu reichhaltig. Daher beschloss ich, mich auf eine Fragestellung oder einen Pädagogen / eine Pädagogin zu beschränken.

Während ich mir einen allgemeinen überblick verschaffte, fiel mir auf, dass vor allem drei Personen als Begründer der psychoanalytischen Pädagogik benannt werden: August Aichhorn, Siegfried Bernfeld und Anna Freud [vgl. Thomas Aichhorn, 2004:131; Klaus Brauner, 2001]. Von den beiden ersten waren mir sowohl inhaltliche Arbeiten als auch Erziehungsversuche bekannt, so dass ich sie einordnen konnte. Anna Freud war mir zwar als Tochter Sigmund Freuds und Begründerin der Kinderanalyse sowie der Ich-Psychologie bekannt, von einem Erziehungsversuch oder besonderen pädagogischen Arbeiten hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nichts gehört.

Da meine Aufmerksamkeit nach wie vor der psychoanalytischen Pädagogik im Allgemeinen galt, wollte ich mir diesbezüglich zunächst nur einen überblick verschaffen und musste dabei feststellen, dass sie als Pädagogin inhaltlich nicht aufgegriffen wurde [vgl. u.a. Reinhard Fatke / Horst Scarbath, 1994]. Ich fragte mich deshalb, ob Anna Freud womöglich zu Unrecht als Pädagogin bezeichnet wurde, musste jedoch nach einem ersten Blick in ihr Gesamtwerk feststellen, dass dem nicht so ist, dass sie verschiedene Texte zur Pädagogik verfasste und über eine umfangreiche pädagogische Praxis verfügte.

Der Widerspruch zwischen der regelmäßigen Nennung Anna Freuds als Mitbegründerin der psychoanalytischen Pädagogik, dem Umfang ihrer pädagogischen Arbeiten und der geringen Beschäftigung der Forschung mit diesen verstärkte mein Interesse. Ich stellte mir die Frage, ob hier eine Lücke in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bestand und vertiefte mich in das Werk von Anna Freud. Letztlich gab dann Anna Freuds Artikel „Anwendung psychoanalytischen Wissens auf die Kindererziehung“ (1956) den abschließenden Impuls für die Fragestellung der Diplomarbeit. Anna Freud stellt in diesem dar, dass sich die psychoanalytische Pädagogik darum bemühte, eine Pädagogik zu entwerfen, die eine neurotische Entwicklung verhindert. Sie verknüpft dabei diese Bemühungen mit der Theorieentwicklung der Psychoanalyse und erklärt aus dieser, dass sich die psychoanalytische Pädagogik in verschiedenen Stufen entwickelte [vgl. Anna Freud, 1987:1311]. Dieser Gedanke ermöglicht es, verschiedene Texte in eine Entwicklungslinie zu bringen und so einen bedeutenden Strang der psychoanalytischen Pädagogik, das Bemühen um Neurosenprophylaxe, geordnet und konzentriert zusammen zu fassen, wobei sich viele vordergründige Widersprüche in den Texten erklären und auflösen lassen. Dabei war schnell deutlich, dass Anna Freud selbst eine zentrale Figur in eben dieser Entwicklungslinie darstellt.

1.1 Arbeitsauftrag und Aufbau dieser Arbeit

Dieser Vorgeschichte folgend, will diese Arbeit dreierlei leisten. Erstens bereitet sie für die heutige pädagogische Diskussion das Werk von Anna Freud auf, indem es aus ihrem Gesamtwerk die pädagogischen Texte und pädagogischen Fragmente in nicht pädagogischen Texten löst und systematisch darstellt. Zweitens macht sie für die heutige Diskussion eine Entwicklungslinie der psychoanalytischen Pädagogik erkennbar, indem die Texte chronologisch und in ihrem jeweiligen theoretischen und zeitgeschichtlichen Kontext dargestellt werden. Drittens soll die Frage nach der Bedeutung Anna Freuds für die heutige Pädagogik thematisiert werden.

Meinen Ausführungen zu ihrem Werk ist eine Definition des Begriffs psychoanalytische Pädagogik vorangestellt. Dies ist notwendig, da dieser zum einen in der wissenschaftlichen Diskussion nicht einheitlich verwendet wird und zum anderen in dieser Arbeit einen besonderen Zuschnitt erhält [vgl. 2.3]. Hieran anschließend werde ich Anna Freuds Biografie kurz darstellen, um mich dann ihren Texten inhaltlich zuzuwenden.

Die Darstellung orientiert sich an ihrer Schrift „Anwendung psychoanalytischen Wissens auf die Kindererziehung“ (1956). Sie stellt in diesem heraus, dass sich die psychoanalytische Pädagogik in Stufen entwickelte und sich ihre Entwicklung aus der Entwicklung der Psychoanalyse erklärt. Entsprechend werde ich ihre Texte vier Entwicklungsstufen zuordnen und sowohl den jeweiligen pädagogischen als auch psychoanalytischen Kontext beleuchten.

Zunächst wird die Entwicklungsstufe der sexuellen Aufklärung aufgegriffen, anschließend schildere ich die Entwicklung der Trieberziehung. Beide sind zeitgeschichtlich in den 1920er Jahren verortet. Ihnen folgend wird der Entwicklungsschritt zur Ich – Psychologie thematisiert, der in den 1930er Jahren vollzogen wurde. Bis zu diesem Entwicklungsschritt kann ich Anna Freuds Ausführungen immer wieder mit Texten aus der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik in Bezug setzten. Diese Zeitschrift stellt 1937 ihr Erscheinen ein und durch den Exodus der psychoanalytischen Pädagogik, verursacht  durch den Nationalsozialismus, existiert für die vierte Entwicklungsstufe kein pädagogisches Vergleichmaterial, auf das sich in gleicher Weise bezogen werden kann. Diese vierte Entwicklungsstufe, die Objektbeziehung, die in den 1940er und 1950er Jahren verortet ist, beleuchte ich daher nur mit einer eingeschränkten Darstellung des pädagogischen Kontextes.

Mit Anna Freuds Spätwerk steht diese Arbeit vor einem systematischen Problem. Die Entwicklung der hier vorgestellten Entwicklungslinie der Neurosenprophylaxe findet in der Nachkriegszeit ihr Ende [vgl. 2.3]. Gleichwohl veröffentlicht Anna Freud auch in ihrem Spätwerk verschiedene Texte mit einem pädagogischen Bezug, die zwar an dem Konzept der Objektbeziehung anknüpfen, aber kaum in die Entwicklungslinie eingebunden sind. Um die Konzentration auf der Entwicklungslinie zu halten, gleichzeitig aber Anna Freuds pädagogisches Werk vollständig darzustellen, werde ich ihr Spätwerk am Ende des Hauptteils nur anreißen und inhaltlich nicht ausbauen.

Dem Hauptteil voran gestellt ist eine quantitative übersicht, die dem Leser / der Leserin sowohl einen überblick verschaffen soll, als auch der Frage nachgeht, weshalb ich die Auffassung vertrete, dass Anna Freud als Pädagogin zu bezeichnen ist – und nicht als Kinderanalytikerin, die sich auch mit pädagogischen Fragen beschäftigte.

Am Ende dieser Arbeit werde ich in einem Fazit der Frage nachgehen, ob Anna Freud heute zu Unrecht vergessen oder übergangen wird. Beides würde voraussetzen, dass Anna Freud Inhalte bietet, die für die heutige pädagogische Diskussion wesentlich wären. Vergessen oder übergehen setzt Relevanz voraus.

1.2 Einschränkungen und Besonderheiten dieser Arbeit

Ich gehe in dieser Arbeit davon aus, dass dem Leser / der Leserin die Grundzüge der psychoanalytischen Theorie bekannt sind. Zu diesen zähle ich vor allem die fünf Aspekte der Psychoanalytischen Theorie – der topografische, dynamische, strukturelle, genetische und energetisch-ökonomische Aspekt [vgl. Siegfried Elhardt, 1998]2. Anders formuliert setzt diese Arbeit auf allgemeinen Einführungen in die Psychoanalyse auf, wie sie etwa mit Sigmund Freuds „Abriss der Psychoanalyse“ (1938)3, Charles Brenners „Grundzüge der Psychoanalyse“ (1967) oder Siegfried Elhardts „Tiefenpsychologie“ (1971)4 vorgelegt wurden.

Der Gegenstand und die Vorgehensweise meiner Arbeit führt in Verbindung mit dem für wissenschaftliche Arbeiten an der Fakultät für Soziale Arbeit und Pflege der HAW - Hamburg vorgeschlagenen Harvard-Beleg [vgl. Yolanda M. Koller-Tejeiro und andere, 2004] zu Problemen.

Historische Quellen sind selten im Original verfügbar. Die Nutzung einer späteren Auflage führt dazu, dass der historische Kontext im Beleg durch die Jahreszahl des Nachdrucks verloren geht. Hierdurch wird die Quelle im Text undurchsichtig, da es ohne Recherche nicht möglich ist, die genutzte Quelle in ihren historischen Kontext einzuordnen.

Erschwert wird die transparente Nutzung dieser Quellen zudem durch die früher übliche Veröffentlichungspraxis. Texte wurden an verschiedenen Stellen und in unterschiedlicher Zusammensetzung veröffentlicht [vgl. Anna Freud, 1956:9f] und mitunter deutlich von einer Auflage zur Nächsten verändert [vgl. Sigmund Freud, 1968:IX]5.

Auch der Umstand, dass sich mehrere Familienmitglieder mit der Psychoanalyse beschäftigten – so etwa Anna, Martin und Sigmund Freud führt dazu, dass sich die Nutzung des Harvard-Belegs in der vorgeschlagenen Form verbietet. Die darin vorgeschlagene ausschließliche Nennung des Nachnamens muss zu Unklarheiten führen, da aus diesem nicht ersichtlich ist, ob etwa Anna oder Sigmund Freud gemeint ist.

Um den geschilderten Problemen gerecht zu werden, habe ich mich entschieden, im gesamten Text Vor- und Nachnamen zu benennen. Zweite Vornamen werden nur mit dem ersten Buchstaben angegeben. Die Jahreszahl der ersten Veröffentlichung werde ich entweder im Fließtext selbst oder in einer Fußnote im Anschluss an den Beleg benennen. Notwendige Informationen zur Veröffentlichung, etwa erhebliche Veränderungen der Publikation in späteren Auflagen, werden ebenfalls in einer Fußnote im Anschluss an den Beleg dargelegt. Um die große Zahl der Fußnoten zu reduzieren, werden diese Informationen nur bei der ersten Nutzung der Quelle geben.

Anna Freud werde ich überwiegend anhand ihrer Gesamtausgabe „Die Schriften der Anna Freud“ (1987) zitieren. Um die Lesbarkeit dieser Arbeit zu gewährleisten, habe ich davon Abstand genommen, bei jedem Beleg den entsprechenden Band der Gesamtausgabe anzugeben. Der jeweils zitierte Band kann mittels der übersicht unter 6.2 ermittelt werden.

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1Die drei Personen werden bei ihm noch um Wilhelm Hoffer ergänzt.

2Erstmals erschienen 1971.

3In dieser Arbeit verwende ich den Nachdruck des Fischerverlags aus dem Jahr 1983.

4In dieser Arbeit verwendet in der 14. Auflage aus dem Jahr 1998.

5Der Verweis bezieht sich auf die Vorworte von Sigmund Freud zu seiner Traumdeutung, die im II/III Band seiner „Gesammelten Werke“ in Abgrenzung zu den Seitenzahlen des Werkes mit römischen Zahlen ausgewiesen werden. Die Traumdeutung erscheint zum ersten Mal im Jahr 1900, das letzte Vorwort zur Traumdeutung von Sigmund Freud stammt aus dem Jahr 1929. Der II/III Band der „Gesammelten Werke“ Sigmund Freuds erschien 1942 zum ersten Mal, und wird von mir in der vierten Auflage (1968) verwendet.